FAZ, 05.01.2002
 
Der Bleistift denunziert genausogut
Zum Start unseres neuen Comics "Der Flaneur" von Tim Dinter und Kai Pfeiffer

von Andreas Platthaus
Zwei Herren am Grill: Tim Dinter und Kai Pfeiffer auf Reportage.

      "Illustratoren werden von Redakteuren nur in Ausnahmefällen ernst genommen." Da hat Kai Pfeiffer etwas Wahres festgestellt. Tatsächlich hat das Zeitungswesen das Foto bevorzugt, seit das Offsetdruckverfahren eine adäquate Reproduktion gestattete, und in hochglanzpostillen nimmt sich selbst eine noch so subtile Zeichnung seltsam aus. Doch waren weniger ästhetische Gründe für die Verdrängung der Zeichnung durch das Foto in den Nachrichtenmedien verantwortlich als die scheinbare Objektivität, die die Fotografie auszeichnet. Wer die Wahrheit schreiben will (oder das zumindest behauptet), der möchte sie auch zeige (oder zumindest gut im Bild simulieren). Da hat das Foto der auf den ersten Blick erkennbar subjektiven Zeichnung einiges voraus.
     Pfeiffers eingangs zitierter Satz stammt aus dem Vorwort zu einer Gratispublikation namens "Ryke 13", die im Herbst 2000 in Berlin verteilt wurde. Darin stellten sich sechs junge Graphikstudenten der Kunsthochschule Weißensee vor, die sich zur Gruppe "Monogatari" zusammengeschlossen hatten, Der Name ist Programm, denn Monogatari bedeutet im Japanischen "Geschichten erzählen". Die sechs - zwei Frauen und vier Männer sind Comiczeichner, doch ihren Schwerpunkt haben sie auf ein Genre gelegt, das kaum Tradition hat: die gezeichnete Reportage. Aus ihren Arbeiten, die in "Ryke 13" nur in Ausschnitte gezeigt wurden, haben sie im vergangenen Jahr den Band "Alltagsspionage - Comicreportagen aus Berlin" zusammengestellt.
     Der Band, mittlerweile schon in zweiter Auflage erhältlich, sei allen Lesern empfohlen, die vorgeführt bekommen wollen, wie gut Comic als Dokumentationsform taugt - gerade weil er so sehr von der persönlichen Handschrift des Zeichners geprägt ist, entspricht er dem klassischen Reportagetypus, der ja auch den individuellen Blick des Reporters und seine Erlebnisse zum Mittelpunkt hat. Und wer eine ganz neue Probe aufs Exempel verfolgen möchte, der lese von morgen an den neuen Comic der "Berliner Seiten".
     Bei uns hat Pfeiffer ein Forum gefunden, das seine programatische Feststellung widerlegen will. Gemeinsam mit Tim Dinter, der die Texte Pfeiffers in Bilder umsetzen wird, hat er die Serie "Der Flaneur" geschaffen. Doch was heißt das schon: "geschaffen"? Denn vom "Flaneur" ist bislang nur ein Teil fertig. Die Auftaktfolge etwa, die uns direkt in die häßlichste aller Berliner Jahreszeiten entführt: den Winter. Denn "Der Flaneur" - und dieser Titel wie auch der gestelzte Ton, der den Erzähler kennzeichnen wird, wollen natürlich Assoziationen an die großen Beobachter und Deuter Berlins aus den zwanziger Jahren wecken - soll sich an unser aller Wahrnehmung orientieren, und deshalb sind manche Folgen bisher noch gar nicht gezeichnet, andere wiederum schon. Die Aktualität soll zu ihrem Recht kommen und den Ablauf der Reihe präge.
     Dinter und Pfeiffer haben schon an mehreren Projekten gemeinsam gearbeitet, prachtvoll produzierte Comics sind darunter und ganz schlicht hergestellte Heftchen. Sie tanzen auf allen Hochzeiten des Genres, unter anderem sind demnächst auch zwei Online-Comics von Dinter zu erwarten, und Pfeiffer wird eine Heftreihe namens "Revue Mondaine" beginnen. Ihre Berlin-Serie für diese Zeitung aber wird ausbauen, was in ihren solistischen Comics für "Alltagsspionage" oder der faszinierenden gemeinsamen Reportage "Alte Frauen" schon angelegt war: kühle Beobachtung unter Einsatz eines realistischen Strichs, der durch Grautönungen und die Verwendung möglichst authentisch wiedergegebener Schauplätze eine Hommage an die Fotografie darstellt, aber dennoch immer die graphische Qualität in den Vordergrund stellt.
     Ein schärferer Kontrast zu der heute auslaufenden Reihe "Kratochvils Welt" von Nicolas Mahler ist also kaum denkbar. Und so soll in den "Berliner Seiten" wieder einmal durch Gegensätze die Breite des Ausdrucksspektrums im Comic demonstriert werden. Seit Kat Menschiks "Weltempfänger" aus dem Herbst 1999 ist dies zudem die erste Serie, die sich klar auf Ort und Zeit festlegen läßt: Berlin, heute. Sie wird uns Typen präsentieren, die jeden Tag in der U-Bahn neben uns stehen können, auf den Parkbänken liegen, beim Türken drängeln oder vor unserer Tür stehen. Und wer weiß, ob nicht mancher leser selbst vor den Zeichenstift der beiden Autoren gerät und sich in der Zeitung wiederfindet? Vorsicht also vor männlichen Mittzwanzigern mit Skizzenblöcken. (Diese Warnung werden die beiden verkraften, denn gemeinhin haben es Comicreporter leichter als ihre fotografierenden Kollegen: Die denunzierende Gewalt, die von einem Bleistift ausgeht, wird immer noch unterschätzt.)
     "Die Stärken der journalistisch eingesetzten Zeichnung liegen nicht in der nüchternen Übermittlung von Nachrichten, sondern im Magazinjournalismus und Feuilleton, wo es nicht so sehr auf die Information an sich ankommt als auf den speziellen Blick auf diese, die Haltung und Sichtweise des Autors", hat Pfeiffer geschrieben. Nun werden wir Gelegenheit haben, ihn und Dinter an diesen Worten zu messen. Spannende Wochen sind garantiert, unterhaltsame sowieso.

Zeichnung: Tim Dinter
Text: Kai Pfeiffer


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